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Hartwassergesellschaft  
Geschrieben von kekule am Sonntag, 24. August 2008

Süsswasser

von

Konsulent OSR Alfred Hollinetz

 

Die Aquaristik ist ein Hobby in dem man immer wieder Überraschungen erlebt und ständig neue Erfahrungen sammelt.


Seit in den vergangenen 30 Jahren die Cichliden aus den ostafrikanischen Seen mit ihren vielen Formen und Farben und vor allem mit faszinierenden Verhaltensweisen bei uns vermehrt auftauchten, haben sie viele Liebhaber gefunden. Die  aufwändigen Pflanzenaquarien mit ihren farbenprächtigen, aber für manche ein wenig langweiligen Salmler- und Barbengesellschaften wurden oftmals durch Felslandschaften mit einer flotten Schar Malawiseecichliden ersetzt, in der ständig etwas los war.


Wenn man in einer Gegend wohnt, in der kalkhaltiges Wasser für eine entsprechende Härte sorgt, ist die Haltung dieser Fische eigentlich kein Problem. Da ich seit vielen Jahren auch eine Vorliebe für Regenbogenfische habe, reizte es mich, mit den aus sehr verschiedenen Gegenden stammenden Fischen ein Gesellschaftsaquarium einzurichten. Vor allem die Cichliden benötigen hartes, alkalisches Wasser, das mir in unserer Gegend mit etwa 650 µS (GH 16°, KH 12°) ohne spezielle Aufbereitung zur Verfügung steht. Die Regenbogenfische sind an dieses Wasser gewöhnt. Der pH-Wert pendelt sich in meinem Becken auf etwa 7,5 ein. Ich halte vor allem Regenbogenfische der Gattung Melanotaenia (M. boesemanni,M. praecox, M. parkinsoni, M. lacustris) und Glossolepis incisus, den wunderbaren, lachsroten Regenbogenfisch. Ich züchte alle Arten auch ständig nach. Mein 700-Liter-Becken, das immer auch gut mit Cryptocorynen, Vallisnerien, verschiedenen Echinodorus-Arten, Anubias und Javafarn bepflanzt war, wurde mit Steinaufbauten in den Ecken und im Hintergrund auf die neuen Bewohner vorbereitet. Die Pflanzen gedeihen bei mir eigentlich immer verhältnismäßig gut, obwohl ich konventionell mit 4 Stück 58-Watt-Leuchtstoffröhren (Tageslicht, Warmton und Gro-Lux) beleuchte und auch keine CO2-Düngung verwende, um den pH-Wert nicht nach unten zu treiben. Der durchschnittliche CO2-Gehalt, aus KH und pH-Wert errechnet, liegt bei etwa 15-20 mg/l. Die notwendige Pflanzennahrung wird durch regelmäßigen Teilwasserwechsel – 1/3 etwa alle 10 Tage ­– und eine geringe Menge Flüssigdünger speziell zur Eisenversorgung zugeführt. Der eher geringe CO2-Gehalt genügt offenbar, um die Pflanzen ausreichend zu versorgen.

Cichliden

Um die Pflanzenpracht möglichst zu erhalten, verzichtete ich auf die raubeinige Malawigesellschaft und besiedelte das Becken mit Tanganjikaseecichliden. Sie sollten die Pflanzen in Ruhe lassen und nicht zuviel graben. Einige Jahre waren verschiedene Brabantbuntbarsche (Tropheus moori und T. duboisi) zu Gast. Eine aufregende Zeit mit viel Bewegung und ständigen Beißereien, aber auch mit entzückenden Jungfischen, die schon  1 cm groß waren, als sie das Maul der Mutter verließen und wie kleine schwarze Teufelchen zwischen den Felsen herumflitzten. Die Pflanzen wurden von ihnen weitgehend in Ruhe gelassen, gelegentliche Knabbereien fielen kaum ins Gewicht.

Als nächstes zogen einige Neolamprologus brichardi, bekannt als Feenbarsch oder Prinzessin von Burundi in mein Becken ein. Mit diesen Fischen tat sich die neue Welt des Tanganjikasees richtig auf. Feenbarsche besetzen bald ein eigenes Revier und graben eine Höhle unter Steinen, in der schon nach kurzer Zeit ein Schwarm Jungfische steht, der energisch verteidigt wird. Sobald die Jungen etwa 1 cm groß sind, erscheint bereits der nächste Jungfischschwarm und wird von den größeren Geschwistern betreut. Die Eltern beschränken sich auf die weiträumige Verteidigung des Reviers. Bald tummeln sich Jungfische aller Größen im Becken und erobern nach und nach immer größere Räume; eine in der Fischwelt einmalige aber äußerst effiziente Methode der Arterhaltung und -verbreitung, bei der allerdings in der Enge des Aquariums die anderen Fische immer mehr Lebensraum verlieren, wenn man nicht eingreift und regelmäßig Jungfische entfernt. Ich musste aus meinem Becken sogar die Alttiere herausfangen, um die Nachproduktion von Jungfischen für einige Zeit zu unterbinden. Die schlauen Tiere sind nicht einfach zu erwischen und verschwinden blitzschnell in den Felsen, wenn der erste Fangversuch fehlschlägt.

Ein ähnliches Brutpflegeverhalten zeigen auch die nahen Verwandten, wie Neolamprologus daffodil und N. pulcher. Die meines Wissens bei Fischen sehr seltenen Eigenschaften geben genügend Stoff für die vergleichende Verhaltensforschung, da sie auch Verhaltensmus-ter höher entwickelter Lebewesen aufweisen: die Bildung von Familien und Sippen, die effiziente Methode der Arterhaltung und -sicherung, die schrittweise Eroberung von Lebensraum und das Aufschwingen zur dominanten Gruppe bis hin zur Unterdrückung anderer Arten. In der Enge des Aquariums kann man hier im Zeitraffertempo erleben, was steigende Bevölkerungsdichte bis hin zur Übervölkerung auslöst.

Besonders attraktive Fische sind Schlankcichliden. Ich erwarb je ein Paar Julidochromis ornatus (Gelber Schlankcichlide) und J. marlieri (Schachbrettcichlide), die ich zunächst getrennt in kleineren Becken hielt, um ihr Verhalten zu studieren. Beide Paare laichten bald mehrmals hintereinander ab und betreuten die Jungfische bis zur Größe von etwa 1,5 cm. Danach wurden die Jungen nicht mehr in der Nähe der Laichhöhle geduldet. Ich fischte sie heraus und zog sie in einem eigenen Becken auf. Da ich eine Kreuzung der beiden Arten fürchtete, setze ich nur einige „Ornatus“ in das große Gesellschaftsbecken ein, wo sie bald Reviere bezogen und jetzt ständig Jungfische aufziehen. Die Halbwüchsigen stöbern durch das ganze Becken und liefern sich regelmäßig kleine Gefechte mit der halbstarken Brichardi-Bande. Sobald sie die Geschlechtsreife erreicht haben, bilden sie Paare und versuchen, ein eigenes Revier mit einer brauchbaren Bruthöhle oder Felsspalte zu finden. Bei einer Familie habe ich dabei auch ein flottes Dreiecksverhältnis beobachtet.

Einen weiteren Akzent setzte ich mit dem Erwerb einiger Zitronenbuntbarsche (Neolamprologus leleupi). Diese Fische sind eher Einzelgänger, die nur zur Fortpflanzung zusammenkommen, ihr Revier dann aber sehr energisch – vor allem gegen die eigene Art – verteidigen. Da kann schon einmal die wilde Jagd durch das ganze Becken gehen. Umso wichtiger sind daher die zahlreichen Versteckplätze, der dichte Pflanzenwuchs und die Felsaufbauten. Die Kombination mit den Regenbogenfischen funktioniert erstaunlich gut. Es gibt kaum Angriffe, außer es stolpert ein verliebter Boesemani im Laicheifer über eine Bruthöhle.

Regenbogenfische

Als Schwarmfische besetzen Regenbogenfische eher die oberen Wasserschichten und malen dort leuchtende Farben ins dichte Grün der Pflanzen. Ich setze von Zeit zu Zeit Nachzuchttiere dazu, sodass inzwischen alle Größen das Becken bevölkern. Regenbogenfische können bei guter Pflege über 10 Jahre alt werden und wachsen sehr langsam, sie sind aber gewaltige Fresser. Und da können die Probleme beginnen. Viel fressen bedeutet auch viel ausscheiden. Um die Wasserbelastung möglichst gering zu halten, sind neben einer leis-tungsfähigen Filterung der regelmäßige Wasserwechsel und die Kontrolle des pH-Wertes sehr wichtig. Man sollte abgestandenes Wasser verwenden. Bei 250 Litern pro Wasserwechsel ist das nicht so einfach. Ich fülle daher – immer mit etwas Bauchweh - das Becken direkt aus der Wasserleitung, allerdings sehr langsam und unter Zugabe eines Aufbereitungsmittels. Ein zu schneller Frischwasserzusatz kann die empfindlichen Kiemen der Regenbogenfische schädigen und den pH-Wert bei stark belastetem Wasser kurzfristig nach oben treiben, wodurch sich das ungiftige Abfallprodukt Ammonium (NH4) im Wasser zu giftigem Ammoniak (NH3) verwandelt, was zu schlagartigen Fischverlusten führen kann. Also Wasserwechsel nur sehr vorsichtig, aber dafür öfter durchführen. Eine feinperlende Durchlüftung und ein großer Außenfilter, der auch für eine gute Strömung sorgt, garantieren ein glasklares, sauerstoffreiches Wasser.

Technik und Chemie

Als „Steinzeit-Aquarianer“ bin ich eher konservativ, was Technik und Chemie anbelangt. Hier gilt für mich: So viel wie notwendig – so wenig wie möglich. Vieles, was die Aquarienindustrie an teuren Geräten und Chemikalien anbietet, mag zwar die Pflege erleichtern und manches automatisieren, führt aber auch dazu, sich weniger mit der Biologie, den Bedürfnissen und dem Verhalten der Pfleglinge auseinander zu setzen. Bei vielen Fischliebhabern steht neben dem Aquarium ein Dutzend Fläschchen mit sündteuren Mitteln. Ihnen kann man nur raten, das meiste davon zu entsorgen und sich dafür ein ordentliches Fachbuch zu kaufen (und es natürlich auch lesen). Auch die in Aquariumgeschäften üblichen Schnelldiagnosen von einem Fläschchen Aquariumwasser halte ich für sehr problematisch, wenn man die Gesamtsituation des betreffenden Aquariums nicht kennt. PH-Wert-Schwankungen z. B. können viele Ursachen haben und die Werte können sich auch während des Wassertransportes verändern. Der Weisheit letzter Schluss ist dann oft die Empfehlung: pH-Plus oder pH-Minus. Die Ursachen der Probleme werden damit aber nicht beseitigt. Wichtig ist ein solides Grundwissen, ein gutes Auge für das rechtzeitige Erkennen von Veränderungen am Verhalten der Fische und ein maßvolles, überlegtes Eingreifen, wenn es nötig ist. Ich finde es einfach unerlässlich, dass sich ein ernsthafter Aquarianer mit den Grundsätzen der Wasserchemie, Fischverhalten, biologischen Zusammenhängen, Krankheiten usw. auseinandersetzt bevor er zur chemischen Keule greift.

Futter

Die Basis für die tägliche Fütterung bildet ein gutes Flockenfutter, ergänzt durch verschiedene andere Trockenfutterarten (Tabletten, Granulat,…). Wöchentlich mindestens einmal gibt es Frostfutter (Mückenlarven, Cyclops, Daphnien) und als besonderen Leckerbissen täglich frisch geschlüpfte Salinenkrebs-Nauplien, die ich in großen Mengen für meine Jungfische züchte. Sie kommen vor allem der Cichlidenbrut im Becken zugute. Für die Aufzucht junger Regenbogenfische sind noch kleinere Futtertiere notwendig: Infusorien (Rädertierchen, Pantoffeltierchen) und Essigälchen.

Lebendfutter ist natürlich auch für größere Fische ein Festtagsessen. Ich züchte daher auch Grindalwürmer, Drosophila, Heimchen und Wachsmotten. Im Sommer kommen dann noch Mückenlarven, Daphnien, Flohkrebse und Cyclops aus Gartenteich und Regentonne sowie Stubenfliegen dazu. Meistens füttere ich zweimal täglich eher sparsam. Auch ein gelegentlicher Fasttag muss sein.

Nachzuchten

Über die Zucht der verschiedenen Fischarten könnte man einen eigenen Bericht schreiben. Hier nur so viel: Die Cichliden züchten begüns-tigt durch die effiziente Brutpflege ständig im Gesellschaftsbecken. Daher tummeln sich hier auch Fische aller Größen. Für eine Zucht mit höherer Ausbeute an Jungfischen ist ein eigenes Zuchtbecken erforderlich. Die Regenbogenfische kann man als Dauerlaicher jederzeit in einem Zuchtbecken ansetzen, am bes-ten mit Javamoos oder einem Wollmop. Im Gesellschaftsbecken kommen keine Jungfische davon, obwohl natürlich auch dort ständig abgelaicht wird. Die Aufzucht ist nicht schwierig, wenn man das Futterproblem in den ersten Wochen im Griff hat. Allerdings kann es ein Jahr dauern, bis manche Regenbogenfischarten Farbe zeigen.

 

Resümee

Zusammenfassend kann ich ein Gesellschaftsbecken mit Regenbogenfischen und afrikanischen Cichliden allen empfehlen, die über  passendes Wasser verfügen und ein Becken von 250 Liter aufwärts besitzen.


© „ATInfo" 12/2007

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