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Steinkorallen – Modekrankheit oder Muss?  
Geschrieben von kekule am Sonntag, 11. März 2007

Meerwasser
Leo Gessert

Seit sich die Meeresaquaristik in den Wohnzimmern etabliert hat, nahm auch die technische Entwicklung - besonders in den letzten Jahren - in riesigen Schritten fast jede Hürde. Nicht zuletzt deshalb, weil auch die Industrie erkannt hat, wo man neue Märkte erobern kann.




Es liegt noch keine zwei Jahrzehnte zurück, als die wenigen
Meerwasseraquarianer sich mit teils abenteuerlichen Mitteln ihr Hobby
ermöglichen mussten. Heute kann man in jedem guten Fachgeschäft kaufen,
was das Herz begehrt. Aber es ist nicht die Technik, die letztlich
ausschlaggebend ist, ein „gutes Riffaquarium“ entstehen zu lassen. In
erster Linie ist wohl der Pfleger mit seinem Verständnis und Geschick
dafür verantwortlich.


Als Beispiel hierfür möchte ich anführen, dass ich mein Riffaquarium
schon vor 8 Jahren von jeglicher Filtertechnik befreit habe. Ein
Dispergator-Abschäumer, 2 Strömungspumpen TUNZE Stream mit
Multikontroller und als Beleuchtung 2 x 250 Watt und 1 x 150 Watt HQI
sowie 2 x 58-W-T5 (blau) incl. Mondlicht, stellen die wesentlichen
technischen Schwerpunkte meines Beckens dar. Dass dieses Aquarium mit
der „Minimaltechnik“ gut funktioniert, können viele Aquarianer, die das
Becken schon gesehen haben, bestätigen, oder andere, die ihre Aquarien
genauso betreiben.


Als ich mich also 1988 in die Gilde der Meeresaquarianer einreihte,
wurden auch bei meinem Aquarium große Kammerfilter, Kohlensäulen usw.
installiert. An Tieren konnte ich in dieser Zeit eigentlich noch fast
alles kaufen. Mein Wunsch war es, ein farbiges, lebhaftes Becken
einzurichten, mit Tieren, die sich in der Strömung wiegen. Also kamen
viele Weichkorallen, Xeniden, bunte Scheiben- und Krustenanemonen u. a.
ähnliche Tiere ins Becken.


 
 

© Foto L. Gessert






In diesem Aquarium ist eine gelungene Kombination
aus Stein- und
Weichkorallen zu sehen.



Während der Anfangszeit lernte ich durch den Berliner Verein Dietrich
Stüber und dessen Aquarium kennen. Ich sah zum ersten Mal ein richtiges
Steinkorallenaquarium. Es war schon faszinierend und bis heute eines
der besten Becken, die ich je gesehen habe. Trotzdem war ich von der
„Starre“ in diesem Becken etwas enttäuscht. Für meine „Riffvorstellung“
waren die bizarren Steinkorallen zu leblos. Schon damals war mir klar,
dass ein solches Aquarium für mich nicht in Frage kam. So entwickelte
ich im Laufe der Zeit eine Vorliebe für Gorgonien. Darüber habe ich in
„das aquarium“ schon berichtet.


Nachdem ich mich mit vielen Aquarianern aus ganz Deutschland oft treffe
und gesammelte Erfahrungen austausche, stelle ich fest, dass immer mehr
ihre Aquarien auf Steinkorallen „umstellen“. Toll gewachsene Becken mit
riesigen Ansam¬mlungen Pumpender Xenien, Lithophyton arboreum und
anderer herrlicher Weichkorallen werden zu Gunsten  der Steinkorallen
geopfert bzw. aufgegeben.


 
 

© Foto L. Gessert







Den vielen Weichkorallen ist es zu verdanken,
dass dieses
Meerwasser-Aquarium lebendig wirkt.







Oft geht es mir so, dass ich nach einer Rundreise durch verschiedene
Wohnzimmer die Becken kaum noch unterscheiden kann. Braun in braun, mal
eine Acropora, die dezent grün schimmert (?), hier eine
Trachyphyllia-Wulstkoralle und als absoluten Farbklecks eine
Tubastraea. Das Ganze recht bewegungslos.


Nun werden viele sagen: „Der hat ja keine Ahnung“! Nun, was
Steinkorallen betrifft nicht allzuviel, dass gebe ich auch zu. Trotzdem
gedeihen und vermehren sich in meinem Becken auch verschiedene
Steinkorallen wie z. B. Acropora, Seriatopora, Turbinaria, Montipora,
Leptoseris usw. Nur  – es ist durch die übrigen Niederen Tiere Leben in
diesem Becken.


Ich möchte an dieser Stelle feststellen, dass es schon phantastisch
ist, Steinkorallen im Becken wachsen zu sehen, wie es z. B. bei D.
Stüber der Fall ist. Aber es gibt nur wenige wirkliche
Steinkorallenspezialisten. Dadurch aber, daß in der letzten Zeit die
Pflege und Vermehrung der Steinkorallen in jeder Fachzeitschrift
vordergründig publiziert wird, glauben viele Aquarianer, daß ein
Steinkorallenbecken ein „Muss“ ist. Hört man sich nun bei gegebenen
Anlässen Fachvorträge namhafter Meerwasseraquarianer an, in denen sich
diese u. a. dahingehend äußern, daß es das Ziel eines jeden
Meerwasseraquarianers sein muss, Steinkorallen zu pflegen und zu
vermehren, so wird man auch da wieder in eine Richtung gedrängt. Wenn
ich dann mit anderen Aquarianern diskutiere, habe ich oftmals das
Gefühl, den Zug verpasst zu haben und überlege, ob ich etwa in meiner
Entwicklung stehengeblieben bin. Es dreht sich alles nur noch um
Steinkorallen.



 
 

© Foto L. Gessert








Weich- und Hornkorallen bestimmen das Bild
dieses schönen Meerwasser-Aquariums.








Aber muss dies das Ziel sein? Nur weil einige wenige von uns darin
Erfolge erzielt haben? Was ist denn mit den übrigen Tieren in unseren
Becken? Bleiben die nun auf der Strecke und fallen der „Modekrankheit
Steinkorallen“ zum Opfer? Ist es nicht so, dass es auch bei der
Vermehrung und Pflege verschiedener Gorgonien und Weichkorallen noch
viele Fragen zu klären gibt? Ich finde es toll, ein Becken zu sehen, in
dem z. B. eine Lederkoralle Sarcophyton ehrenbergi ihre langen Polypen
in der Strömung wiegt. Es gibt auch da noch viel zu tun. Und an dieser
Stelle erinnere ich mich an den erstaunten und begeisterten Ausruf
vieler Aquarianer bei einer Beckenbesichtigungstour beim Anblick eines
Weichkorallenbeckens. Ich konnte mir nicht verkneifen zu bemerken, dass
die meisten vor einiger Zeit selbst ein solches Aquarium besaßen, es
aber den Steinkorallen geopfert haben.


Dieser Artikel soll kein Hieb gegen die Steinkorallenfreunde sein. Er
soll vielmehr zum Nachdenken anregen und davor warnen, in eine
Sackgasse zu steuern.

Mit freundlicher Genehmigung der
Redaktion der ATInfo und des Verfassers  übernommen
.

Steinkorallen – Modekrankheit oder Muss?

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